Das Schumann/Heine-Projekt

Schon seit langer Zeit beschäftigten sich die beiden Düsseldorfer Wolfgang Engstfeld und Peter Weiss mit dem Gedanken, die Musik von Robert Schumann zu Texten von Heinrich Heine zu bearbeiten. Nicht nur die Verbundenheit dieser großartigen Künstler des 19ten Jahrhunderts mit Düsseldorf war hier ausschlaggebend. Vielmehr reizte die melodische Eleganz und romantische Harmonik Robert Schumanns, angeregt durch Heinrich Heines Dichterliebe, zu einer Neubearbeitung.

Hendrik Soll und Wolfgang Engstfeld schrieben die ersten Bearbeitungen, die später in gemeinsamen intensiven Proben mit Christian Ramond und Peter Weiss ausgearbeitet wurden. Wichtig war es der Gruppe, den Geist und das Gefühl dieser Stücke einzufangen und in die Sprache des modernen Jazz zu übersetzen.

Dichterliebe – vier Musiker lieben ihren Dichter

Es sind Reisen in die Ferne, die auf Künstler stets unauslöschlichen Eindruck machen. Der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy fuhr erst nach Schottland, dann nach Italien – beiden Ländern widmete er Symphonien. Der dänische Big-Band-Leiter Pierre Dörge spielte in Gambia – und brachte seine traumhafte CD »Brikama« mit. Der Jazzpianist Keith Jarrett kam nach Köln und Tokio – die Mitschnitte wurden zu seinen berühmtesten Alben.

Auch das in Düsseldorf beheimatete Engstfeld/Weiss-Quartett hat sich oft auf Reisen begeben und sich dort vom Funken der Inspiration entzünden lassen. Die vier Musiker spielten beispielsweise in Portugal; ihre Impulse verarbeiteten sie in der CD »Lisboa«. Jetzt sind sie abermals aufgebrochen: in die Vergangenheit. Das Ziel hat auch nur ein paar hundert Meter jenseits des Düsseldorfer Rheins gelebt: Robert Schumann. Für ihn als städtischen Musikdirektor war Düsseldorf eine problematische Zeit, es waren Jahre deprimierender Erfahrungen, künstlerisch wie menschlich.

Das ist lange, sehr lange her. Doch für Künstler wie Wolfgang Engstfeld (Tenorsaxophon), Hendrik Soll (Klavier), Christian Ramond (Bass) und Peter Weiss (Schlagzeug) war die Vergangenheit nie ein toter Raum; Soll hatte bereits für das »Lisboa«-Album in subtilem Gedenken an Mendelssohn ein Lied ohne Worte, einen »Song without words«, komponiert. Jetzt hat das Quartett die CD »Dichterliebe« eingespielt, die sich – nomen est omen – ausschließlich mit Robert Schumann und ausgewählten Liedern aus seinem berühmtesten Zyklus (auf Texte von Heinrich Heine) befasst.

Der Titel ist hintersinnig. Für das Engstfeld-Weiss-Quartett ist Schumann wahrlich ein Dichter der Töne, den die Musiker lieben gelernt haben – nicht nur, weil er lokaler Patron war und im Jahr 2006 seines 150. Todestages gedacht wird, sondern auch weil er eine wunderbar offene Basis für jazzige Ausflüge bietet. Schumann war einerseits ein versponnener Melodienlyriker, andererseits ein vehementer Rhythmiker. Diese Doppelbegabung macht sich das Quartett, das um die melodisch-rhythmische Achse Engstfeld-Weiss in wechselnden Besetzungen seit über 30 Jahren besteht, sozusagen nutzbar. Die Musiker tauchen ein in das Fluidum der Lieder und verwandeln ein direktes Zitat vom Liedbeginn sozusagen in ein Initial, das am Anfang einer weit ausgreifenden Jazz-Improvisation steht. Die kreiselnde Terz im Thema von »Die Rose, die Lilie, die Taube« wird zum Energiezentrum, in dessen Innenraum die Post abgeht. Im Lied »im wunderschönen monat mai« wird Schumanns originale Melodie von Engstfeld nicht verändert, nur ausgeziert; der harmonische Kontext wird von Soll und Ramond freilich vollständig umgebaut. Das gleiche schöne Schicksal widerfährt dem Lied »ein jüngling liebt ein mädchen«. 

Immer wirkt Schumann wie ein Nahestehender, der nicht zu nahe stehen möchte. In dieser Mischung aus Nähe und Entfernung liegt das Kalkül der CD. Doch hat sie auch ihr Mirakel, das es zu ergründen gilt: das Stück »Clara«, das sich bei Ramond und Weiss wie ein Sarg der Liebe zwischen die beiden Versionen von »am leuchtenden sommermorgen« senkt. Und wenn Pianist Hendrik Soll am Ende in seinem Abschiedsmonolog das erste Stück der »Kinderszenen« beschwört (mit dem die CD begann), hat dies den Charakter einer Reminiszenz und einer ästhetischen Beglaubigung: dass man, wenn man jazzig über Schumann debattiert, ein bisschen träumerisch und mit erwachsenem Herzen Kind sein darf.

Wolfram Goertz, Musikredakteur »Rheinische Post« Düsseldorf